Hoşgeldin Ramazan – Willkommen Ramadan

Bald ist der Monat Ramadan vorbei und ich frage mich wo die Zeit hin ist. Immer wieder möchte ich etwas über diesen schönen Monat schreiben, doch andere Dinge und Gedanken drängen sich mir dazwischen. Heute sah ich mir alte Reisefotos an und stieß auf eines aus Kars.

Im Jahre 2009 verbrachte ich den Fastenmonat in der Türkei. Ich erlebte zum ersten Mal den Ramadan in einem muslimisch geprägten Land. Mehr von diesem Beitrag lesen

Auf dem Weg ins Kackar-Gebirge.

Nachdem wir uns von Mahmut verabschiedet hatten, verbrachten wir einige Zeit an der Straße bis ein LKW hielt, der nach Azerbaijan fuhr. Der LKW Fahrer war kein sehr gesprächiger Mann, ich wechselte keine zwei Sätze mit ihm, dies überlies ich den anderen. Der sehr dünne Mann nahm uns bis Pazar* mit. Wir hatten nicht damit gerechnet so weit zu kommen, die Reise verlief besser als erwartet.

Wieder mal standen wir an der Straße, diesmal diskutierten wir darüber wo wir schlafen sollten. Ich war natürlich für ein nettes Hotel, etwas warmes zu Essen und ein gemütliches Bett zum Schlafen. Dies stieß bei den Einsparrungen, die sich der mit uns reisende tschechische Erasmusstudent (nennen wir ihn Vojtech) vorgenommen hatte, auf Widerstand. Da Miriam seiner Meinung war ging es also unter die neben der Straße liegende Brücke. Ja richtig! Wir schliefen unter einer Brücke. Ich konnte mich dafür ganz und gar nicht begeistern, da meine Gedanken schon bei einer heißen Corba** und einem warmen Bett waren. Innerlich erklärte ich mich selbst für verrückt, dass ich dies alles mitmachte und stellte mir vor was meine Mutter sagen würde, wenn sie das alles mitbekommen hätte. Ich wäre bestimmt für nicht zurechnungsfähig eingestuft worden.

Das Gras unter der Brücke wuchs sehr hoch, etwas über einen Meter. Wir fanden einen Platz, der von der Straße aus nicht gesehen werden konnte, da er von völligem grün abgeschirmt war. Steine (die wir kaum sahen, da es schon dunkel war) räumten wir aus dem Weg und schlugen unser Nachtlager, bestehend aus Schlafsäcken auf, aßen etwas und versuchten zu schlafen. Meine Nacht verlief sehr unruhig, die von den Steinen übriggebliebenen Löcher machten mir zu schaffen und ermöglichten es nicht sich auch nur annähernd bequem einzurichten.

Erst am Morgen konnten wir unser Umfeld wahrnehmen. Vor unseren Augen breitete sich das blaue Meer aus und hinter uns lag ein kleiner Ort, in dessen Rücken die Berge emporprangten, wie zur Verteidigung vor einer Bedrohung.  Mit Aussicht auf das Meer verschlangen wir die Essensreste vom Vortag, gingen in den kleinen Ort hinüber und machten uns anschließend mit einem Dolmus*** auf den Weg nach Ayder. Dort angekommen trafen wir auf zwei Tschechinnen, die ebenfalls in das Kackar-Gebirge wollten. So beschlossen wir zusammen hochzusteigen. In Ayder kauften wir uns noch Essensproviant und warteten auf den nächsten Dolmus, der nach Kafron (eine Anhöhe des Gebirges) fuhr.

Wie auf alles andere warteten wir auch einige Zeit auf den Dolmus. Miriam und ich sahen uns in dem kleinen Örtchen etwas um. Ich kaufte (wie in jedem Ort) einen Kühlschrankmagneten und suchte verzweifelt nach einer Postkarte. Irgendwann fand ich einen kleinen Laden, der welche hatte (sie sahen aus, als wären sie schon 10 Jahre alt, spiegelten allerdings die Landschaft genauso wieder wie sie heute aussah). Ich wollte ihm eine abkaufen, aber der Ladenhändler wusste selbst keinen Preis zu nennen, also schenkte er mir die Postkarte zusammen mit einem Mini-Heftchen türkischer Küche. Ich bedankte mich herzlich und wünschte ihm noch alles Gute, bevor wir in die Berge aufbrachen.

*Pazar ist ein kleiner Ort am Schwarzen Meer, westlich von Rize, gelegen.
**Corba ist die türkische Bezeichnung für Suppe, wobei diese immer dickflüssig ist.
***Dolmus ist ein Sammeltaxi, ein typisches öffentliches Personennahverkehrstransportmittel in der Türkei. Der Dolmus fährt erst dann los, wenn alle bzw. genügend Plätze im Wagen besetzt sind.

Im Bus nach Georgien …

Nachdem meine Freundin (nennen wir sie Miriam) und ich schon im Nordosten der Türkei waren, dachten wir uns ein kleiner Trip nach Georgien könne nicht schaden. Bei einem Busunternehmen erkundigten wir uns wie lange so eine Fahrt dauern würde, ca. 7 Std. war die Antwort. Voller Vorfreude stiegen wir also in den Bus, der uns nach Tiflis fuhr. Noch ahnten wir nicht, dass aus den 7 Std. 13 werden würden.
Wir waren nicht viele Reisende, nur ein paar wenige Menschen. Bevor wir die Grenze Georgiens erreichten, hielten wir an einem abgelegenen Haus, weit und breit gab es keine Menschenseele. Die Busfahrer und –begleiter räumten alles (mit Ausnahme der Passagierkoffer) aus dem Bus, selbst Essen, nicht einmal Wasser ließen sie übrig. Als der Bus ausgeräumt war fuhren wir weiter. An der Grenze wurde der Bus komplett durchsucht, selbst die kleinste Tasche musste raus. Erst nachdem unsere Rucksäcke zwei Scanner durchlaufen hatten, konnten wir sie wieder in den Bus packen.
Die Zeit verstrich und wir merkten, dass wir so schnell nicht in Tiflis ankommen würden. Miriam setzte sich auf den Zweiersitz vor mir und wir wollten beide ein bisschen entspannen und eventuell schlafen, da es mittlerweile Nacht geworden war. Ein paar Reihen hinter mir saßen drei Frauen mit ihren Kindern und ein junger Mann, sie waren alle gemeinsam in den Bus gestiegen, ich nehme an sie waren eine Familie. Der Bus war kaum gefüllt und so konnten diese sich auch über mehrere Sitze verteilen.
Irgendwann kam der Busbegleiter und setzte sich einfach neben mich (leider hatte ich nicht beide Sitze eingenommen). Erstaunt sah ich ihn an. Was wollte dieser Mann von mir? Er hatte uns vorher schon ausgefragt woher wir kamen und was wir in Tiflis wollten, aber das war mittlerweile nichts Neues für uns, da uns solche Fragen tagtäglich begegneten.
Kaum saß er, lehnte er sich gemütlich zurück und machte die Augen zu. Ich fiel aus allen Wolken. Kerzengerade richtete ich mich auf und sah verzweifelt nach hinten. Ich schämte mich dafür, dass dieser Mann sich einfach zu mir gesetzt hatte. Wer gab ihm das Recht dazu? Die Frauen sahen mich ohne Ausdruck im Gesicht an und drehten sich weg. Ich war enttäuscht, warum sagten diese Frauen nichts? Warum wies keiner diesen Mann, der mein Vater hätte sein können, darauf hin, dass sich so ein Verhalten nicht gehört, dass er aufstehen und sich wo anders hinsetzen soll?! Als ich zu ihm sah tat dieser so, als schliefe er. Der Arm, welchen er über meinen Sitz gelegt hatte, rutschte immer weiter nach unten. Irgendwann merkte er, dass da ja niemand mehr saß und sich seine Sitznachbarin schon auf den Beinen hielt, den Vordersitz umklammert. Immer noch verwirrt sah ich ihn an und hoffte, dass er jetzt endlich verschwinden würde, aber da hatte ich falsch gedacht. Dieser Mann tat so, als wäre er durch das Abrutschen seines Armes aufgewacht, sah mich an, wies mit der flachen Hand auf meinen Sitz und sagte auf Türkisch „komm“ zu mir. Ich brachte ein „nein“ heraus und schüttelte den Kopf. Die Antwort darauf war ein Achselzucken und schon waren die Augen wieder geschlossen. Nun war ich mit meiner Geduld wirklich am Ende. Ich sah noch einmal zu den Frauen, die sich weggedreht hatten, aber sie machten nach wie vor nichts, es gab keine Reaktion ihrerseits, es interessierte sie nicht was da vor ihren Augen vor sich ging. Schließlich lehnte ich mich nach vorne zu Miriam, die felsenfest schlief. Ich wollte sie in diesem Augenblick wachrütteln und schreien „Sieh dir diese Unverschämtheit an!“, doch stattdessen rief ich in normaler Lautstärke ihren Namen. Natürlich reagierte sie nicht, was hatte ich erwartet. Wütend drehte ich mich dem Man zu, stieß ihn mit meinem Zeigefinger an der Oberschulter und sagte in meinem damals gebrochenen Türkisch „Sie! Gehen! Da hin!!!“ und wies auf einen Platz zwei Reihen vor mir. Als er jedoch wieder müde tat, die Augen schloss musste ich es noch einmal versuchen. Wiederholt sagte ich “DA HIN!!! Sie! Setzen!!!“. Endlich stand er auf und ging. Ich konnte meine Erleichterung nicht verbergen. Wie unverschämt musste ein Mann in seinem Alter sein, um so etwas zu machen? Was hielten diese Menschen wohl von Europäerinnen, wenn sie ihnen gegenüber so ein Verhalten an den Tag legten?
Nachdenklich lehnte ich mich zurück und versuchte zu verstehen warum man sich mir gegenüber so benahm.
Nachdem Miriam wach geworden war erzählte ich ihr alles, sie ließ ihrem Ärger lauf, aber ändern konnten wir beide nichts mehr. Wenn jemand unverschämt sein wollte, dann war er es auch, vor allem im Osten der Türkei. Hier wurde Europäerinnen, die auch noch alleine reisten, nicht besonders viel Respekt entgegen gebracht.

Am Morgen konnte ich die Frauen hinter mir nicht anschauen, zum einen schämte ich mich, da dieser Widerling sich einfach so zu mir gesetzt hatte. Was haben diese Frauen wohl über mich gedacht? Zum anderen empfand ich Abneigung ihnen gegenüber. Warum halfen sie einem jungen Mädchen nicht, wenn sie sahen, dass diese sie hilfesuchend ansah?
Damals war ich noch zu naiv, um zu verstehen …

Per Anhalter durch die Türkei.

Nachdem meine Freundin, ein weiterer Erasmus Student und ich schon mit einem Pärchen, anschließend mit einem Jungen, danach einem LKW-Fahrer, der uns zur Rast zwang und schließlich mit zwei Jungs den Weg aus Samsun, gen Osten, zum Teil hinter uns gelassen hatten, standen wir wieder in bestimmten Abstand Anhalter auf der Straße. Ich war vorher nie per Anhalter gefahren und hab die Leute, mit denen wir fuhren, immer genau unter die Lupe genommen. Meine Freunde hatten das schon öfter gemacht, das waren eingefleischte Backpacker, während ich mit meinen goldenen Sandalchen und einem großen Wanderrucksack  ein eher lustiges Bild darbot. Irgendwann hielt ein ca. 30 jähriger LKW Fahrer an, der im ersten Augenblick nach Macho aussah. Nachdem wir unsere Backpacker Rucksäcke verstaut hatten fuhren wir weiter Richtung Rize. Mahmut stellte sich als sehr freundlicher Mensch heraus, gleich am Anfang der Fahrt wollte er anhalten um uns Nüsse zu kaufen, da diese in bestimmten Orten, an denen wir vorbeifuhren, wohl sehr berühmt für ihren guten Geschmack waren. Obwohl wir immer wieder strikt ablehnten hielt er doch irgendwann an um sich angeblich irgendwas zu kaufen. Mit Tüten voll Fladenbrot, Tomaten, Gurken und Oliven kam er wieder um sich gleich darauf mit der Hand gegen den Kopf zu schlagen, weil er irgendwas vergessen hatte. Meine Freunde schlugen sich den Bauch voll und Mahmut sah ein bisschen verzweifelt, wie alles Essen verschwand, ich aber keinen Bissen nahm. Verwundert fragte er mich warum ich nichts esse und was ich haben wolle, damit er mir was kaufen könne. Als er erfuhr, dass ich Moslem sei und faste war er völlig überrascht und hat sich gleichzeitig riesig gefreut, er hatte nämlich die ganze Zeit auch nichts gegessen, da auch er fastete. So freundeten wir uns sehr gut mit Mahmut an. Er erzählte von seiner Schwester und von seinem bisherigen Leben. Er war eine sehr vielseitige Person und auch vor dem Beruf des LKW-Fahrers viel in Europa unterwegs gewesen. In Trabzon trennten sich unsere Wege, da Mahmut dort zu Hause war. Vorher aber hielt er an und kaufte eine ganze Essenstüte nur für mich, damit ich was zum Iftar hatte. Ich war so gerührt von dieser Geste und zugleich zutiefst beschämt. Ich hatte doch das Geld um mir Essen zu kaufen, aber Mahmut wollte nichts hören, dickköpfiger lieber Türke. Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von Mahmut und wünschten ihm alles Gute. Nie werde ich diese liebe Geste vergessen. Nichts ahnend, was noch auf uns wartete machten wir uns auf den Weg. Es war Zeit weiterzukommen…

„[…] Bosnische Sprache exisitiert nicht!“

Am späten Nachmittag kommen wir in Mostar an. Keiner von uns war je hier gewesen. Vor unseren Augen breitet sich ein ganz anderes Bild aus, als im Norden Bosniens. Der Norden ist grün und voller Berge, der Süden hingegen bietet fast eine Wüstenlandschaft.

Die Stadt ist wunderschön, eine der schönsten, welche ich bis jetzt gesehen habe. Der türkische Einfluss ist nicht zu verkennen. Alles hier erinnert mich an die Türkei. Die kleinen Gassen, die Waren und Touristensouvenirs und der Stein, aus welchem die Häuser erbaut sind. In einer mir fremden Stadt habe ich das Gefühl als wäre ich nach Hause gekommen.

Nachdem wir uns mit einem Essen gestärkt hatten, ging es auf die Suche nach einem Buch: „Gramatika bosanskog jezika.“ (Die Grammatik bosnischer Sprache) Gleich im ersten Buchladen wurde ich darauf hingewiesen, dass es das Buch in anderen Läden gibt, da diese allerdings nur bis 16 Uhr geöffnet hatten musste ich, ohne mein Buch kaufen zu können, wieder abfahren.

Ein paar Tage später fuhr ich mit meiner Mutter nach Banja Luka. Sie wies mich vorher darauf hin, dass ich das Buch nicht in Banja Luka finden würde, ich aber blieb stur und war überzeugt, dass es die Bosnische Grammatik in so einer großen Stadt geben müsse. Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, wie verhasst das bosnische Volk in dieser Stadt zu sein scheint.

In der Fußgängerzone des Zentrums blieb ich an einem Bücherstand stehen um nachzufragen ob der Herr mein Buch habe. Er sah mich verdutzt an und fragte nach ob ich nicht die Serbische Grammatik haben möchte, ich verneinte und er gab höflich zur Antwort, dass er mein Buch nicht hat. Ich fragte nach einem Buchlanden, wo ich es evtl. finden könne, er gab mir eine Wegweisung, ich bedankte mich und drehte mich zum gehen um. Hinter unserem Rücken hörten wir eine Frau, welche neben dem Verkäufer gesessen hatte, uns beleidigen und fluchen, der letzte Satz den ich mitbekam war in verächtlichem Ton „ die Bosnische Sprache existiert nicht!“. Wir gingen ohne uns umzudrehen weiter. In den darauffolgenden Buchläden konnte man uns ebenfalls nicht weiterhelfen, das Buch der Bosnischen Grammatik gab es nirgendwo.

Schließlich versuchten wir es auf einer Bücherausstellung in Banja Luka. Ein riesiger Raum, mit diversen Ständen und übersetzten Buchtiteln aus aller Welt. Ein paar Stände über Lehrbücher gab es auch, diese hatten mein Buch natürlich auch nicht. Selbst hier fand ich an keinem Stand ein Buch der Grammatik der bosnischen Sprache, Kroatische Grammatik hingegen war zu finden.

Ein mal fuhr mich ein Mann barsch an. Nachdem ich ihn um ein Buch der Grammatik der Bosnischen Sprache gefragt hatte, drückte er mir eines auf kyrillisch in die Hand. Ich wies darauf hin, dass ich das nicht lesen könne und er sagte verärgert, dass ich die Serbische Grammatik in keiner anderen Schrift finden werde (was dem nicht so war, diese gab es bei anderen Anbietern auch in lateinischer Schrift). Ich wiederholte, dass ich die bosnische Grammatik suche und nicht die Serbische, woraufhin der Mann mich anfuhr, dass es so etwas nicht gibt und mir den Rücken zuwendete. So ging es mir den ganzen Tag, meine arme Mutter lief stundenlang mit mir durch Banja Luka und fuhr mich sogar zur Bücherausstellung, nur um sich eine Abfuhr und Beleidigung nach der anderen mitanzusehen. Irgendwann gab ich auf und wir fuhren nachdenklich wieder nach Hause. In meiner Heimat Bosnien und Herzegowina gab es kein Buch der Grammatik der Bosnischen Sprache, kein Buch über die eigene Landessprache, nicht in der zweitgrößten Stadt Bosniens, nicht in der Serbischen Republik…

Enttäuscht und wütend sah ich am Abend die Nachrichten. Was ich da hörte bestätigte ein Mal mehr alles, was ich am Tag erlebt hatte. In den Nachriten erwähnte man am Anfang kurz die Serbische Republik* und danach folgten nur noch Aussagen über Serbien. Ein bisschen verdutzt hörte ich zu, die ganze Zeit sprach man von Serbien nannte allerdings bosnische Städte. Traurig stellte ich fest, dass ich und meine muslimischen Brüder und Schwestern in unserem eigenen Land ausgegrenzt und als etwas fremdes und störendes empfunden wurden. Bosnien war nicht mehr Bosnien, uns weggenommen und zerstört war es die Serbische Republik…

*Bosnien wurde nach dem Balkankrieg in Serbische Republik und die Föderation geteilt.