Wenn der eigene Körper zum größten Feind wird …

„Ich bin zu dick.“ „Ich muss mehr Sport machen.“ „Hätt ich doch bloß nicht die Schokolade gegessen.“ Viele von uns kennen solche Situationen, in denen wir es bereuen, wenn wir unseren Körper nicht 3 Mal pro Woche ins Schwitzen gebracht oder wenn wir doch mal eine Süßigkeit zu viel gegessen haben. Die meisten von uns haben heutzutage kein entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper. Obwohl wir genau wissen, was wir tun müssen um uns gesund zu ernähren, fällt es uns schwer es umzusetzen. Dies alles führt zu einer ungesunden Situation. Ein schlechtes Gewissen plagt uns, wir können nicht mehr richtig genießen, Sorgen über das Gewicht, unser Bindegewebe und was nicht noch alles kommen auf. Statt uns das Leben zu erleichtern, setzt uns dieses Wissen unter Druck. Für eine kurze Zeit schaffen wir es ein paar Kilo abzunehmen, mehrmals pro Woche zum Sport zu gehen, keine Süßigkeiten mehr zu kaufen, früher oder später kommt jedoch die Couch-Potato, die Waage-Ignoriererin und der Schokoladenfan in uns durch.

Viele von uns sind mit ihrem Körper unzufrieden und kämpfen ständig gegen ihn an. Vor allem Frauen hadern mit ihrem Gewicht. Der Bauch wird als zu dick, die Oberschenkel als zu schwabbelig und die Hüften als zu breit empfunden. Jährlich unterziehen sich in Deutschland eine halbe Millionen Frauen einer Schönheitsoperation.

Männer fühlen sich ebenfalls unter Druck gesetzt. Essstörungen sind auch bei ihnen längst nicht mehr eine Seltenheit. Wünschen sich Männer einen schlanken Körper, dann werden sie essgestört, möchten sie hingegen dem männlichen Schönheitsideal (breite Brust, schmale Hüfte) entsprechen, so werden sie fitnesssüchtig. Im Jahre 2009 hatten sich bereits 19,5 Prozent aller Männer in Deutschland einer Schönheitsoperation unterzogen, während es im Jahre 2000 nur 10 Prozent waren. Sie erhoffen sich nach so einem Eingriff bessere Chancen bei Frauen und ein leichteres Berufsleben.

Die Medien fördern die Komplexe der Menschen umso mehr, indem sie klapperdürre und gestylte Models als die Beautys der Welt hinstellen. Und Jugendliche, wetteifern diesem Ideal zu einem Großteil nach. (Fast die Hälfte der 11-13 jährigen hat Erfahrungen mit Diäten.) Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und dem eigenen Körper ist in unserer Gesellschaft zu einer wahren Epidemie geworden. Es fällt Mädchen schwer sich schön zu fühlen, wenn sie sich mit den heutigen Schönheitsidealen konfrontiert sehen. Dabei sehen viele nicht, dass der Einfluss dieser veröffentlichten Schönheits- und Schlankheitsbilder fatal und das Bemühen um so einen Körper meist aussichtslos ist. Das extreme Körperideal entspricht den Maßen 90-60-90 (Brust, Taille, Hüfte in Zentimetern) und die Konfektionsgröße 38 entspricht den Maßen 88-72-97. Zum Vergleich: Eine durchschnittliche Deutsche Frau ist ca. 1,63 Meter groß, wiegt 69,9 Kilogramm, hat einen Taillenumfang von 83 Zentimetern, einen Hüftumfang von 103,6 Zentimetern und einen BMI (Body-Mass-Index) von 26,1.

Was als schön und chic gilt, wird auch zunehmend vom Internet bestimmt. Dieses bietet leichten Zugang zu Pornografie und bereits junge Menschen werden mit den perfekten Körpern und perfekten Geschlechtsmerkmalen konfrontiert. Viele haben die Vorstellung, dass der Körper beliebig formbar ist, wie ein Avatar. Die American Sciety of Plastic Surgery berichtet, dass die Vaginalchirurgie das am schnellsten wachsende Segment unter den Schönheitsoperationen ist. In Deutschland wurden im Jahre 2008 schätzungsweise 20000 korrigierende Eingriffe vorgenommen und die Frauen wurden bei diesem Wunsch häufig von ihrem Partner unterstützt.

Die Autorin Susie Orbach empört sich darüber, dass es als normal gilt, seinen Körper nicht zu mögen. Orbach: „Millionen Menschen schämen sich für ihn, kämpfen gegen ihn, weil er sie verstört und verunsichert. Das ist ein immenses Problem und hat nichts mit Eitelkeit zu tun.“ Orbach spricht von „Körperterror“ und warnt: „Es ist viel ernster, als wir glauben wollen, genau genommen handelt es sich um einen Gesundheitsnotstand, der Namen trägt wie Selbstzerstörung, Übergewicht, Magersucht, Körperhass und Körperkult und Fitnesswahn.“

Viele Menschen glauben, wenn sie ihren Körper managen, dann werden sie auch glücklicher. Denn mit einem perfekten Körper, welcher der Norm entspricht, sind wir erfolgreich, anerkannt und begehrt. Vor allem Frauen denken, dass, wenn sie erst mal schlank sind, sie den Mann ihrer Träume finden, ihre Projekte verwirklichen können und erfolgreich sein werden. Niemand schaut uns schief an, wenn wir 3 mal pro Woche ins Fitnessstudio gehen oder uns kein Stück Kuchen gönnen. Jeder hat Verständnis, wenn wir Diät halten und wir ernten große Bewunderung, wenn es uns gelingt einen Marathon zu laufen. Indem wir unseren Körper im Griff haben, zeigen wir unserer Außenwelt, dass wir unser Leben im Griff haben. Unser Körper dient uns zur Selbstdarstellung und Selbstinszenierung, genauso wie unsere Kleidung, Wohnung, Auto. Durch den Körper kommunizieren wir mit der Umwelt und wie wir von ihr wahrgenommen werden wollen. Er dient uns als eine Art Schutzschild, ist er in Ordnung, dann brauchen wir keine Befürchtungen zu haben, dass andere unsere Unsicherheit, Traurigkeit, Selbstzweifel oder Überforderung merken.

Der Mensch muss lernen sich selbst so zu akzeptieren wie er ist, wenn er glücklich werden will. Dieses ist allerdings nicht so einfach in einer Welt, in der wir ständig aufgefordert werden uns zu verbessern, an uns zu arbeiten und immer nach Vervollkommnung zu streben.

Jeder Mensch sollte dann essen, wenn er hungrig ist und dann aufhören, wenn er satt ist. Ein bisschen mehr regelmäßige Bewegung und vor allem gesunde Ernährung reichen aus, um sich und seinen Körper fit zu halten. Einfach mal das Auto gegen das Fahrrad austauschen und in anderen Situationen das Fahrrad gegen einen Spaziergang. Man darf seinen Körper nicht  als seinen Feind betrachten, sondern sollte sich in diesem wohl fühlen, sollte sich in diesem willkommen fühlen. Genauso wohl, wie in seinem eigenen Heim, das nicht perfekt sein muss um einem Geborgenheit und Schutz zu bieten.

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