„[…] Bosnische Sprache exisitiert nicht!“

Am späten Nachmittag kommen wir in Mostar an. Keiner von uns war je hier gewesen. Vor unseren Augen breitet sich ein ganz anderes Bild aus, als im Norden Bosniens. Der Norden ist grün und voller Berge, der Süden hingegen bietet fast eine Wüstenlandschaft.

Die Stadt ist wunderschön, eine der schönsten, welche ich bis jetzt gesehen habe. Der türkische Einfluss ist nicht zu verkennen. Alles hier erinnert mich an die Türkei. Die kleinen Gassen, die Waren und Touristensouvenirs und der Stein, aus welchem die Häuser erbaut sind. In einer mir fremden Stadt habe ich das Gefühl als wäre ich nach Hause gekommen.

Nachdem wir uns mit einem Essen gestärkt hatten, ging es auf die Suche nach einem Buch: „Gramatika bosanskog jezika.“ (Die Grammatik bosnischer Sprache) Gleich im ersten Buchladen wurde ich darauf hingewiesen, dass es das Buch in anderen Läden gibt, da diese allerdings nur bis 16 Uhr geöffnet hatten musste ich, ohne mein Buch kaufen zu können, wieder abfahren.

Ein paar Tage später fuhr ich mit meiner Mutter nach Banja Luka. Sie wies mich vorher darauf hin, dass ich das Buch nicht in Banja Luka finden würde, ich aber blieb stur und war überzeugt, dass es die Bosnische Grammatik in so einer großen Stadt geben müsse. Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, wie verhasst das bosnische Volk in dieser Stadt zu sein scheint.

In der Fußgängerzone des Zentrums blieb ich an einem Bücherstand stehen um nachzufragen ob der Herr mein Buch habe. Er sah mich verdutzt an und fragte nach ob ich nicht die Serbische Grammatik haben möchte, ich verneinte und er gab höflich zur Antwort, dass er mein Buch nicht hat. Ich fragte nach einem Buchlanden, wo ich es evtl. finden könne, er gab mir eine Wegweisung, ich bedankte mich und drehte mich zum gehen um. Hinter unserem Rücken hörten wir eine Frau, welche neben dem Verkäufer gesessen hatte, uns beleidigen und fluchen, der letzte Satz den ich mitbekam war in verächtlichem Ton „ die Bosnische Sprache existiert nicht!“. Wir gingen ohne uns umzudrehen weiter. In den darauffolgenden Buchläden konnte man uns ebenfalls nicht weiterhelfen, das Buch der Bosnischen Grammatik gab es nirgendwo.

Schließlich versuchten wir es auf einer Bücherausstellung in Banja Luka. Ein riesiger Raum, mit diversen Ständen und übersetzten Buchtiteln aus aller Welt. Ein paar Stände über Lehrbücher gab es auch, diese hatten mein Buch natürlich auch nicht. Selbst hier fand ich an keinem Stand ein Buch der Grammatik der bosnischen Sprache, Kroatische Grammatik hingegen war zu finden.

Ein mal fuhr mich ein Mann barsch an. Nachdem ich ihn um ein Buch der Grammatik der Bosnischen Sprache gefragt hatte, drückte er mir eines auf kyrillisch in die Hand. Ich wies darauf hin, dass ich das nicht lesen könne und er sagte verärgert, dass ich die Serbische Grammatik in keiner anderen Schrift finden werde (was dem nicht so war, diese gab es bei anderen Anbietern auch in lateinischer Schrift). Ich wiederholte, dass ich die bosnische Grammatik suche und nicht die Serbische, woraufhin der Mann mich anfuhr, dass es so etwas nicht gibt und mir den Rücken zuwendete. So ging es mir den ganzen Tag, meine arme Mutter lief stundenlang mit mir durch Banja Luka und fuhr mich sogar zur Bücherausstellung, nur um sich eine Abfuhr und Beleidigung nach der anderen mitanzusehen. Irgendwann gab ich auf und wir fuhren nachdenklich wieder nach Hause. In meiner Heimat Bosnien und Herzegowina gab es kein Buch der Grammatik der Bosnischen Sprache, kein Buch über die eigene Landessprache, nicht in der zweitgrößten Stadt Bosniens, nicht in der Serbischen Republik…

Enttäuscht und wütend sah ich am Abend die Nachrichten. Was ich da hörte bestätigte ein Mal mehr alles, was ich am Tag erlebt hatte. In den Nachriten erwähnte man am Anfang kurz die Serbische Republik* und danach folgten nur noch Aussagen über Serbien. Ein bisschen verdutzt hörte ich zu, die ganze Zeit sprach man von Serbien nannte allerdings bosnische Städte. Traurig stellte ich fest, dass ich und meine muslimischen Brüder und Schwestern in unserem eigenen Land ausgegrenzt und als etwas fremdes und störendes empfunden wurden. Bosnien war nicht mehr Bosnien, uns weggenommen und zerstört war es die Serbische Republik…

*Bosnien wurde nach dem Balkankrieg in Serbische Republik und die Föderation geteilt.

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Über amitaf86
Studentin.

15 Responses to „[…] Bosnische Sprache exisitiert nicht!“

  1. Saki says:

    Interessanter Beitrag. Die Problematik scheint darauf zu beruhen, dass die bosniakische nationale Identität sich auf der Ebene der Sprache zu spät angefangen hat sich von der oben erwähnten Sprache zu differenzieren. Von einem bosnischen Grammatik Buch weiss ich persönlich auch nichts, aber ich weiss, dass es türkisch-bosnische Wörterbücher gibt und dass früher große bosnische Schriftsteller Gebrauch von der türkischen und persischen Sprache gemacht haben. Sie haben auch vom türkischen Einfluss gesprochen. Was halten Sie davon? Kann der türkische Einfluss dabei helfen, der bosnischen Sprache ihre verdiente Stellung zu gewinnen? Viele Grüße

    • amitaf86 says:

      Mit der Problematik hast du leider recht. Gerade weil die bosnische Elite lieber auf Türkisch, Arabisch oder Persisch schrieb gab es keinen Grund sich mit der bosnischen Sprache auseinanderzusetzen. Sie identifizierten sich mit dem Osmanen. Wenn man sich das Bosnisch von vor 50 Jahren und weiter zurück ansieht, dann entdeckt man sehr viele Wörter, die aus den oben genannten Sprachen übernommen wurden. Leider sind diese Wörter heutzutage fast nicht mehr vorhanden, nur im Sandzak findet man solche Wörter noch häufig.
      Es gibt ein Bosnisches Grammatikbuch, in einigen Städten der Föderation wurde Bosnisch schon als offizielle Sprache an Schulen eingeführt. Die Serben akzeptieren dies allerdings nicht und laut ihnen exisitert keine Bosnische Sprache, sondern nur die Serbische, deshalb kann man in der Serbischen Republik Bosniens kein bosnisches Grammatikbuch finden.
      Was den türkischen Einfluss angeht, natürlich kann er das! Die Türken sind unsere Besten Freunde und egal wo man historische Gebäude neu aufgebaut sieht hört man, dass die Türken es wieder aufgebaut haben. Die Bosnier brauchen einen guten Berater und Freund, der ihnen den Rücken stärkt um ihre Ziele durchzusetzen, alleine werden sie das nicht schaffen. Vor allem könnte man durch den Türkischen Einfluss die alten Wörter zum teil wieder einführen, um sich von den Kroaten und Serben deutlich abgrenzen zu können.

      Viele Grüße zurück

  2. Saki says:

    Danke für Ihre Antwort. Das macht mir Hoffnung. Ich bin ein Bosnien Liebhaber und Alija Verehrer. Es ist eine große Freude Informationen und Eindrücke aus erster Quelle lesen zu dürfen. Bin gespannt auf die nächsten Artikel.

    • amitaf86 says:

      Ich muss mich für das Feedback bedanken und freue mich über das Interesse an meiner Heimat. Es ist schön so etwas zu hören. Ich hoffe, dass ich Ihren Erwartungen gerecht werde.

      Viele Grüße
      Amitaf

  3. Lieselotte says:

    Ein kontroverses Thema! Ich habe in Bosnien Geschichten gehört von Leuten, die (als Bosniaken) z.B. in Serbien in einer Behörde angerufen haben und wo die Leute am anderen Ende der Leitung, als sie mitbekommen haben, dass da jemand aus dem muslimischen Teil Bosniens anruft, sich geweigert haben, das Gespräch fortzuführen, unter dem Vorwand, sie würden nicht verstehen…

  4. Lieselotte says:

    Davon abgesehen hättest du vielleicht in einer anderen Stadt mehr Glück gehabt? In Sarajevo habe ich damals (zwar kein bosnisches Grammatikbuch, aber doch zumindest) ein bosnisch-deutsches Wörterbuch gefunden – ohne Probleme.

  5. amitaf86 says:

    Ich hatte ja in der Föderation „mehr Glück“ gehabt, nur das die Läden da schon zu hatten. 🙂

    Das Thema ist, meiner Meinung nach, dringend! Nehme einem Volk seine Sprache und du nimmst ihm seine Identität. Über Sprache identifizert ein Mensch sich, Sprache verbindet und Sprache ist Kultur. Es gibt schon einen Grund, warum die Serbische Regierung so vorgeht. Traurig ist nur, dass die Menschen es geschehen lassen.

  6. Anonymous says:

    Danke für diesen sehr interessanten Beitrag. Ich komme selbst aus Bosnien, besuche das Land jedes Jahr regelmäßig, interessiere mich auch sehr für die Kultur, Sprache und Geschichte, und weiß grundsätzlich schon im Vorfeld, wo ih solche Bücher wie z.B. Bosnische Grammatik oder Das große Wörterbuch der bosnischen Sprache NICHT finde. In der Nachbarschaft – in Kroatien und Serbien – findet man sie nicht, obwohl man reziprok in Bosnien sowohl kroatische, als auch serbische Bücher findet. Ähnlich ist es aber leider auch mit den bosnischen Büchern, vor allem auch mit denen, die bosnische Kultur und Sprache thematisieren, und zwar in der „RS“ und in anderen kleineren, vorwiegend bosnisch-kroatischen Teilen Bosniens. Ich nehme das den Menschen dort längst nicht mehr übel, auch wenn ich es immer noch sehr traurig finde, dass man im eigenen Land nicht die Grammatik der eigenen Sprache bekommen kann. Mir zeigt das eigentlich nur, wie kurzsichtig, dumm und immer noch vom Nationalismus geprägt etliche Menschen dort vor Ort sind. Zum Glück aber gibt es immer noch auch sehr viele gute Menschen, die in anderen nicht Fremde, sondern Freunde und Nachbarn sehen. Das sind die wahren Bosnier.

  7. Edinaa says:

    Ich liebe mein Land und jedes Jahr wenn ich dort hinfahre muss ich immer hinnehmen wie die Serben die nach dem Balkankrieg noch geblieben sind versuchen uns denn chef vorzuspielen . Klar haben wir einen großen einfluss über die Türkei wir brauchen Brüder die uns den Rücken stärken bei unseren Plänen. Natürlich ist es wunderschön anzusehen jedes Jahr im sommer ist es so ich komme ja aus Brcko und dort feiern wir ein großes Fest mit den Türken . Sie sind in Bosnien wie man sieht Herzlich Willkoooomen ❤ allerdings sehen viele Österreicher / Deutsche in Bosnien nicht tollerant an letztes Jahr zum Beispiel : Eine familie aus österreich machte in meiner Heimat urlaub und es sind halt viele kleine Gassen vorhanden meinte die Frau zu sagen : omg nein das geht hier garnicht alles viel zu eng und steinig und so ungefegt und meinte einen alten herren der gerade von seinem Freitagsgebet kam zu beleidigen . Geht garnicht finde ich . Meinetwegen können alle in meiner Heimat urlaub machen sobald es hinaus geht beleidigungen usw. Ne da sehe ich schwarz . Wenn es euch stört das wur in Bosnien moscheen haben dann solle man sich überlegen irgendwo anders hin zu fahren .

    • amitaf86 says:

      Selam Edina. 🙂 Danke für diesen tollen Kommentar. 😀 Was für ein Fest ist das denn? Noch nie davon gehört, spannend! 😀

      Ich schätze uns Bosnier(innen) versucht man zu bekehren, bzw. bei manchen/vielen hat man das schon, weil Bosnien den Islam viel zu nah an Europa ranbringt. Es ist quasi direkt vor der Haustür. Und das Moslems alle Terroristen sind, daran besteht doch kein Zweifel. 😉 Noch weniger Zweifel scheint daran zu bestehen, dass Bosnien gar nicht Bosnien, sondern Serbien ist. Alles unglaubliche Aussagen, die man zu hören bekommt.

      Ich finde es Schade. Was haben solche intoleranten Menschen überhaupt in einem Land zu suchen, wo mehrere Kulturen aufeinandertreffen? Sollen sie doch nach Mallorca fahren oder in einen anderen typisch deutschen Urlaubsort. Da fühlen sie sich dann best. besser.

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